Bis die Muskeln brennen

  • Stefan 

Möhnesee. Als ich das erste Mal hinfalle, lachen mich die Grundschüler aus meiner Gruppe aus. Kein Wunder: Mit Eisschnelllauf hat das, was ich dort auf die spiegelglatte Eisfläche lege, zunächst wenig zu tun. Da gleicht das, was auf der Außenbahn passiert, schon eher den Fernsehbildern von Olympia: Einträchtig gleitet dort die Gruppe des ESV Möhnesee-Soest mit Trainer Michael Schikorra Runde um Runde durch das Eissportzentrum Möhnesee. Mit langen, kräftigen Stößen bewegen sie sich vorwärts, immer tief in den Fahrtwind geduckt.

 

Bild: Ralf Rottmann
 
 
Das mit dem Fahrtwind ist bei mir so eine Sache. So richtig will er nicht aufkommen, während ich mich in der Anfängergruppe mit Achtjährigen in Disziplinen wie „Eierlauf“ und „Einbeinfahren“ probiere. Mit diesen Übungen sollen die Jüngsten vorsichtig an den Sport herangeführt werden. Denn sie brauchen als erstes ein Gespür für den Untergrund, bevor sie sich schnittig in die Kurven legen können.
Nach einer halben Stunde habe ich das Gefühl, bereit zu sein für den nächsten Schritt. Trainer Schikorra hat mich beobachtet und gibt mir den ersten Tipp: Nicht nach hinten, sondern zur Seite soll ich mich abstoßen, im rechten Winkel zur Fahrtrichtung. Sonst würden die langen Kufen der Eisschnelllauf-Schuhe mit den Spitzen über das Eis kratzen. Vorsichtig geht es los: Rechts abstoßen, Füße wieder parallel. Links abstoßen, Füße wieder parallel. Mit jedem Schritt nehme ich an Fahrt auf – aber noch ist es mehr „betreutes Fahren“: Schikorras Hand ist stets an meinem Rücken, schiebt mich und gibt mir Sicherheit.
Wenig später folgt das zweite Level: Das Übersetzen in der Kurve. Dabei wird der rechte Fuß entlang der Kurvenführung links vor den anderen Fuß gesetzt. Das ist notwendig, weil bei den Kurvenfahrten enorme Fliehkräfte auf die Sportler wirken. Setzen sie einen Fuß neben den anderen, würden sie dadurch aus der Kurve getragen und gegen die Bande krachen. „Das ist im Training schon öfter passiert, daher haben wir extra Bandenpolster angeschafft. So können wir Verletzungen beim Sturz vermeiden“, erklärt Schikorra. Das ist nach meiner Galavorstellung auf dem Gesäß zu Beginn der Trainingseinheit natürlich beruhigend.
Doch um die Fahrt um die große Kurve zu üben, geht es zunächst mit dem zweiten Trainer Torsten Brommer zum betreuten Fahren, Teil zwei: Der Eishockey-Mittelkreis ist das Zentrum meiner ersten „Übersetzungs-Versuche“. Dazu lehne ich mich stark nach links in Richtung Boden, während Brommer meine rechte Hand hält. Es ist eine Überwindung, das Gewicht in dieser Lage vollständig auf den linken Fuß zu verlagern, während der andere auf dem Weg nach vorne ist. Mit jedem Versuch klappt es besser, aber bis zur ruhigen Eleganz der Eisschnellläufer ist es noch ein weiter Weg.
Dieser führt für mich nun runter vom Eis in die kleine Trainingshalle neben dem Eissportzentrum. Dort, auf dem Gleitbrett, sehen meine Bemühungen zum ersten Mal wirklich wie Eisschnelllauf aus. Mit Wollsocken über den Schuhen simuliert man das Abstoßen, immer wieder gleite ich von der einen Seite des Brettes zur anderen. Und das geht ganz schön in die Oberschenkel, denn Schikorra fordert: „Auf jeder Seite fünf Zentimeter weiter runter gehen, bis du die richtige Haltung hast.“ Ich gehe also immer weiter in die Knie, bis die Muskeln brennen. In der Spiegelwand vor mir kann ich genau beobachten, ob sich an meiner Position etwas ändert. Als ich vom Gleitbrett steige, haben meine Oberschenkel aber noch lange nicht Ruhe: Sprungübungen in allen Variationen sollen die Muskulatur stärken – denn „Oberschenkel sind für Eisschnellläufer alles“, so Schikorra. Über fünf Minuten in der Hocke fahren zu könnten, erfordert hartes Training. Am Ende bin ich zwar geschafft, aber auch zufrieden mit meinen kleinen Fortschritten. Auf dem Rückweg nach Hause schaue ich auf den Tacho. Eisschnellläufer können bis zu 65 Km/h schnell werden, hatten mir die Trainer erzählt. Eigentlich bin ich ganz froh, heute noch nicht so viel Fahrtwind gespürt zu haben.
Valentin Dornis